Zusammenfassung

Weltweit werden angesichts gewaltförmiger Konflikte, in denen religiöse Pluralität und Differenz eine hochbrisante Rolle spielen, kontroverse Debatten über das zwiespältige, weil gleichermaßen sinnstiftende wie zerstörerische Potential von Religionen in einer globalisierten Welt geführt. Dabei wird v.a. den monotheistischen Religionen aufgrund ihrer z.T. exklusiven Geltungsansprüche vielfach vorgeworfen, sie seien nicht pluralismusfähig und neigten zwangsläufig zu fundamentalistischen Haltungen oder zur Gewalt. Andere Deutungen schreiben ihnen hingegen ein unverzichtbares Potential zur Begrenzung von Konflikten, Kriegen und Terror zu. Die religiösen Gemeinschaften stehen angesichts der auch in Deutschland und Europa drohenden gesellschaftlichen und politischen Verwerfungen, die mit einander widerstreitenden Sinn- und Wahrheitsansprüchen einhergehen können, vor einer großen Herausforderung. Die aktuellen Debatten über die sozialen und kulturellen Folgen der zahlenmäßig präzedenzlosen Zuwanderung von Flüchtlingen aus Kriegs- und Bürgerkriegsgebieten zeigen, dass sich Einwanderungsgesellschaften in Zukunft auf ein noch weit höheres Maß an religiös-kultureller Pluralisierung und dadurch ausgelösten Ängsten, Vorurteilen und Konflikten einstellen müssen als bisher. Gerade auch in Hessen – als der mit am stärksten von Multikulturalität und Multireligiosität geprägten Region Deutschlands – ist die Frage, wie sich destruktive religiöse Gegensätze verhindern lassen, von höchster Aktualität und kann die interdisziplinäre Religionsforschung und die wissenschaftlichen Theologien nicht unberührt lassen.

Vor diesem Hintergrund untersucht der geplante LOEWE-Schwerpunkt mit Hilfe eines innovativen Theorieansatzes die Funktion religiöser Positionierungen in historischen wie gegenwärtigen jüdischen, christlichen und islamischen Kontexten hinsichtlich des Umgangs mit religiöser Vielfalt und Differenz. Im Unterschied zu interreligiösen oder interkulturellen Pluralismus- und Dialogkonzepten, die auf eine konsensorientierte, relativierende Überwindung von Gegensätzen orientiert sind, geht er davon aus, dass Religionen grundsätzlich positionell, deshalb aber nicht zwangsläufig pluralismusunfähig sind. Ob solche Positionierungen eher destruktiven, integrativen oder dialogischen Charakter haben, hängt, so die Ausgangsthese, von den jeweiligen historischen Konstellationen ab, in denen sie sich vollziehen, sowie von den Modalitäten, durch die sie sich auszeichnen. Diese These gilt es durch im Verbund unternommenen historischen und empirischen Studien zu überprüfen. Dazu bedarf es der konsequenten Bündelung der an der Goethe-Universität Frankfurt (GU) und an der Justus-Liebig-Universität (JLU) etablierten Forschung im Bereich der christlichen Theologie, der Judaistik und der Islamischen Studien sowie anderer Disziplinen, die sich – aus religionsgeschichtlicher, philosophischer, soziologischer, ethnologischer und erziehungswissenschaftlicher Sicht – mit komparativer und interreligiöser Religionsforschung befassen. Die vorhandenen Ressourcen und wissenschaftlichen Kompetenzen sollen mit Hilfe der LOEWE-Förderung zu einem interdisziplinären und interreligiösen Forschungsschwerpunkt mit Alleinstellungsmerkmal in der Bundesrepublik ausgebaut werden. Ausgehend von den Aktivitäten international ausgewiesener Wissenschaftler/innen zielt das Projekt darauf ab, die Religionsforschung in Hessen durch intensive Kooperation mit exzellenten Forschenden im In- und Ausland, mittels strategischer Drittmittelaktivitäten und durch eine intensive Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses auch über die Förderlaufzeit hinaus nachhaltig zu profilieren und in ihrer internationalen Sichtbarkeit zu stärken. Als gegenwartsbezogenes Modellprojekt soll es zudem durch gezielte Kooperation mit außeruniversitären Institutionen, die als Multiplikatoren in die politische, gesellschaftliche und kulturelle Landschaft im Rhein-Main-Gebiet hineinwirken, einen wirksamen Beitrag zu öffentlichen Debatten über Migration, Multireligiosität, gesellschaftlich-kulturelle Integration oder Bildungsstrategien zum Umgang mit religiösen Differenzerfahrungen und Konflikten leisten.

Wissenschaftliche Leitidee und langfristige wissenschaftliche Ziele

Religiös-weltanschauliche Vielfalt mitsamt ihren destruktiven und konstruktiv-bereichernden Elementen gehört im Gefolge von Globalisierung und Migration mehr denn je zur Signatur der Lebenswelt der meisten gegenwärtigen Gesellschaften. Interreligiöse Begegnung, Kommunikation und Positionierung stellen daher nicht einfach eine bloße Option dar, sondern sind Ausdruck eines „dialogischen Imperativs“ (Schwöbel 2003), von dem die friedliche Koexistenz religiöser Gemeinschaften in der jeweiligen Gesellschaft oder ganzer benachbarter Kulturen abhängt. Im Umgang mit dieser Herausforderung können Judentum, Christentum und Islam auf sehr unterschiedliche Grundmodelle des Umgangs mit dem Faktum religiöser Pluralität und Differenz zurückgreifen, die aus den differierenden historischen und kulturellen Konstellationen ihrer Konfrontation mit konkurrierenden Glaubensüberzeugungen erwachsen sind.

  • den Exklusivismus, der die eigene Religion als Ausdruck der allein gültigen Offenbarung und als einzigartigen Heilsweg, andere Traditionen hingegen als Gegenbild des Eigenen erachtet;
  • den Inklusivismus, der andere Glaubensüberzeugungen als in der eigenen Tradition mit aufgehoben versteht und ihnen (wenn auch defizitäre) Elemente von Wahrheit zuschreibt;
  • den Universalismus, der von einer allen Menschen zugänglichen religiösen und ethischen Erkenntnis ausgeht und allen Religionen eine verbindende Wahrheit zuerkennt;
  • den Pluralismus, der die eigene Religion nicht als exklusive Quelle der Wahrheit, sondern als historisch-kulturell bedingte und daher relative Ausprägung einer prinzipiell vielfältigen, polyphonen Offenbarung des Göttlichen versteht.

Das spannungsreiche Nebeneinander dieser Modelle innerhalb der drei monotheistischen Religionen bestätigt die Beobachtung, dass letztere einerseits z.T. zu exklusiven, traditionalistisch oder fundamentalistisch geprägten Abgrenzungen neigen, andererseits aber auch liberalere, einem Dialog gegenüber aufgeschlossenere Denktraditionen hervorgebracht haben, die wirksame Instrumente zum friedlichen Aushandeln von konfliktträchtiger Differenz bereitstellen. Solche Traditionen zeichnen sich dadurch aus, dass sie Pluralität als Grundkonstante sowohl in ihr theologisches Selbstverständnis als auch in ihre Praxis interreligiöser Begegnung zu integrieren suchen.

Im Zentrum des geplanten Forschungsverbunds steht die – im Zusammenspiel theologischer, religionswissenschaftlicher und -philosophischer, soziologischer, gendertheoretischer und erziehungswissenschaftlicher Perspektiven zu führende – Auseinandersetzung mit der theoretisch wie gesellschaftspolitisch gleichermaßen relevanten Kernfrage nach den Möglichkeiten, Bedingungen und Grenzen des konstruktiven, respektvollen Umgangs mit religiöser Pluralität und Differenz. Die Leitfrage des Gesamtprojekts, der interdisziplinär und interreligiös angelegten historisch-systematischen und empirisch-systematischen Teilprojekte  sowie der mit Blick auf die Öffentlichkeit im Rhein-Main-Gebiet vorgesehenen Aktivitäten  richtet sich auf die Modalitäten und Konstellationen religiöser Positionierung in jüdischen, christlichen und islamischen Kontexten der Vergangenheit wie der Gegenwart.

Die zentrale Prämisse lautet, dass Religionen notwendig ihren eigenen Standort gegenüber davon abweichenden Wirklichkeits- und Wertvorstellungen vertreten müssen, und zwar innerhalb der eigenen plural verfassten Tradition ebenso wie gegenüber konkurrierenden religiösen und säkularen Weltbildern. Sie sind grundsätzlich positionell und bergen daher ein enormes Konfliktpotential in sich. Allerdings sind Konflikte nicht prinzipiell negativ zu qualifizieren, sondern müssen auf der Grundlage von Erkenntnissen der Konfliktforschung in ihrer ambivalenten, potentiell destruktiven oder integrativen Funktion wahrgenommen werden. Ambivalent ist auch der Umgang mit religiöser Vielfalt und Differenz, da sie einerseits als bereichernd, andererseits als mit der eigenen Überzeugung unvereinbar oder als fundamentale Bedrohung der eigenen Identität erfahren werden können. Eine mögliche Reaktion umfasst Formen der Apologetik und Polemik, bis hin zur Unterdrückung oder gewaltsamen Bekämpfung des Differenten; weitere Optionen sind das pragmatische Ertragen der Existenz des Anderen oder die konsensorientierte nivellierende Relativierung des Eigenen. Das Projekt konzentriert sich im Gegensatz zu den genannten Möglichkeiten auf alternative Modalitäten dialogischer Annäherung, in denen einander bleibend widerstreitende Positionierungen wechselseitig Anerkennung finden.

Der Forschungsverbund unterscheidet sich somit auf innovative Weise von vorwiegend konsensorientierten Modellen des interreligiösen Dialogs und sucht stattdessen Ansätze fortzuentwickeln, welche die Aufrechterhaltung der grundsätzlichen Differenz im Zusammenhang religiöser Positionierungen für legitim halten. Grundlegend dafür ist etwa das aus der Sprach- und Literaturwissenschaft stammende Konzept der „Dialogizität“ im Anschluss an Michail Bachtin. Indem es beschreibt, wie differente argumentative Positionen als solche zur Sprache gebracht werden können, ohne sie miteinander in Einklang bringen zu müssen, begründet dieses Konzept eine Alternative zu vorrangig konsensorientierten Kommunikationsformen. Damit liefert es eine von mehreren theoretischen Grundlagen für das zentrale Anliegen des Projekts: die Erforschung der Bedingungen und Potentiale einer kommunikativen Praxis in jüdischen, christlichen und islamischen Kontexten, die von der legitimen Polyphonie differenter Wahrheitsansprüche ausgeht und dazu befähigt, den eigenen Standpunkt zu affirmieren, ohne die Vielfalt anderer Positionen monologisch aufzuheben oder durch Zwang auszuschließen.

In dieser Hinsicht grenzt sich das Projekt klar von Definitionen eines religiösen Pluralismus ab, welche die Relativierung eigener Wahrheitsansprüche implizieren. Das gilt für Modelle einer pluralistischen Theologie der Religionen, aber auch für religionssoziologische Deutungen, die unter Pluralismus in erster Linie eine friedliche, gleichberechtigte Koexistenz religiöser Gruppen auf der Grundlage einer relativierenden Ausklammerung des Differenten verstehen. Wenn im Theoriekonzept des Projekts der Begriff des Pluralismus verwendet wird, so unter Bezug auf Definitionen, die auch dezidiert differenzbewussten Glaubensüberzeugungen pluralistische Qualität beimessen, sofern sie sich der Grenzen ihrer Erkenntnis bewusst sind und in der Positionierung gegenüber konkurrierenden Wahrheitsansprüchen deren Recht, Würde und Gültigkeit anzuerkennen vermögen. Der Begriff der „Pluralismusfähigkeit“ religiöser Positionierungen, dem zentrale Bedeutung für die Forschungsperspektive aller Teilprojekte zukommt, wird demnach nicht im Sinne der Befähigung zu einem Standpunkt jenseits eigener Glaubens- und Wertvorstellungen verstanden. Vielmehr beschreibt er eine bewusste Bejahung von Pluralität, die das Recht des Anderen auf Anerkennung voraussetzt und die eigene Position im Sinne einer kritisch zu reflektierenden Standortgebundenheit im öffentlichen Diskurs begreift.

Der geplante LOEWE-Schwerpunkt begegnet dem Faktum religiöser Diversität und Differenz, indem er in historischer, empirischer und systematischer Perspektive untersucht, wie und unter welchen Bedingungen sich religiöse Positionierungen konkret vollziehen und inwiefern diese zu konstruktiven oder destruktiven Formen der Kommunikation und Interaktion führen. Diese Fragestellung wird auf innovative Weise durch die intensive Vernetzung und Bündelung der jeweiligen fachspezifischen Forschungsdebatten bearbeitet. Mit Hilfe variierender interdisziplinärer Methoden sollen exemplarische Fallbeispiele religiöser Positionierung zunächst analytisch-deskriptiv untersucht und danach auf ihre Pluralismusfähigkeit hin befragt werden. Dabei wird unter einer genuin normativen Perspektive auch diskutiert, inwieweit es überhaupt als plausibel gelten kann, einerseits pluralismusfähige von pluralismusunfähigen Positionierungen zu unterscheiden und andererseits erstere präferenziell zu taxieren. Die kritisch zu überprüfende Leitthese lautet: Die Pluralismusfähigkeit religiöser Positionierungen hängt nicht allein vom Inhalt der jeweils eingenommenen – differenten – Position ab, sondern insbesondere von den Modalitäten, in denen diese vertreten, sowie von den Konstellationen, unter denen sie in gesellschaftliche Diskurse eingebracht wird.

Das Verbundprojekt zielt auf die Schaffung eines auf Drittmittelstärke, Nachwuchsförderung und Internationalisierung ausgerichteten Exzellenzzentrums in der interdisziplinären und interreligiösen Religionsforschung, das einen innovativen Beitrag zu den aktuellen wissenschaftlichen und gesellschaftspolitischen Debatten um die Herausforderungen religiöser Pluralität zu leisten vermag. Zugleich soll es langfristig im Rhein-Main-Gebiet als Forum eines öffentlichen Diskurses über die für ein Zusammenleben der Religionen und Kulturen notwendigen Kommunikations- und Handlungskompetenzen fungieren.

Begründung der Themenwahl

Die Thematik des Umgangs mit religiös-kultureller Vielfalt und Differenz ist für den theologisch-politischen Diskurs innerhalb von Judentum, Christentum und Islam sowie im interreligiösen Dialog zwischen den drei Religionen von herausragender Bedeutung. Dazu hat die verstärkte Pluralisierung vieler Gesellschaften im Zuge von Migrationsprozessen beigetragen, aber auch die Beobachtung, dass in den derzeit weltweit aufbrechenden kriegerischen Konflikten neben nationalen Machtbestrebungen, ökonomischen Interessen und ethnischen Konflikten Antagonismen zwischen religiösen Traditionen und Gruppen ebenfalls eine zentrale Rolle spielen. Die neuere Religionsforschung widmet sich daher intensiver als je zuvor der Frage, in welcher Weise gerade die monotheistischen Religionen mit ihren z.T. exklusiven Geltungsansprüchen in solchen Konflikten destruktiv wirken, aber auch, auf welche Traditionen sie zurückgreifen können, um zu deren Überwindung beizutragen  bzw. um dialog- und pluralismusfähige Ressourcen zu aktivieren oder neu zu entwickeln. In diesem Zusammenhang erfüllt ein interdisziplinär fundiertes und interreligiös angelegtes Projekt zur Erforschung religiöser Positionierungen im Spannungsfeld von Differenzbewusstsein und dialogischer Offenheit ein wichtiges Desiderat.   

Da die Forschungsperspektiven des geplanten Verbundprojekts im Kontext hochaktueller Debatten in Politik, Gesellschaft und Bildungswesen stehen, lassen sie sich nicht auf das akademische Selbstgespräch individueller theologischer oder religionsbezogener Fächer begrenzen. Vielmehr bedürfen sie dringend der inter- und transdisziplinären Vernetzung sowie des aktiven Austausches mit den Trägern von Debatten und Aktivitäten in Gesellschaft, Kultur und Bildungswesen, an denen die Universitäten partizipieren. Gerade mit Blick auf das Rhein-Main-Gebiet als Ort des Zusammenlebens einer Vielzahl religiöser und kultureller Gemeinschaften ist das Thema „Religiöse Positionierung“ von größter Relevanz. Die Tatsache, dass das Land Hessen im Vergleich zu anderen Bundesländern in einzigartigem Maße multikulturell geprägt ist und mit Frankfurt einen urbanen Anziehungspunkt für MigrantInnen unterschiedlichster religiöser Herkunft besitzt, stellt auch die universitäre Forschung vor eine unhintergehbare wissenschaftliche und gesellschaftliche Verantwortung. Mit dem Forschungsschwerpunkt soll ein in Hessen verankertes und zugleich national wie international sichtbares Modellprojekt etabliert werden, das in enger Kooperation mit den zahlreichen Initiativen, die sich in der Region mit den Chancen und Herausforderungen dieser Konstellation auseinandersetzen, einen innovativen Beitrag zu Fragen von Religion und Gesellschaft, Migration und Integration, Kultur und Kulturtransfer, religiöser Differenz und Interreligiosität leistet. 

Der Wissenschaftsstandort Frankfurt/Rhein-Main bietet dafür ausgezeichnete Voraussetzungen. Der Fachbereich für Ev. Theologie an der GU, der mit dem Institut für Ev. Theologie der JLU durch einen Kooperationsvertrag verbunden ist, und der Fachbereich Kath. Theologie bieten gemeinsam auch nichtkonfessionelle religionswissenschaftliche und religionsphilosophische Studiengänge an, sind programmatisch auf Interreligiosität ausgerichtet und wirken über die Lehramtsstudien auf den schulischen Kontext ein. Mit dem Seminar für Judaistik und der Martin-Buber-Professur für Jüdische Religionsphilosophie hat sich an der GU ein profilierter, international vernetzter Partner im Bereich der Jüdischen Studien etabliert. Das vom BMBF und vom Land Hessen geförderte Zentrum für Islamische Studien Frankfurt/Gießen, mit dessen Professur für Islamische Theologie und ihre Didaktik (Prof. Y. Sarikaya) ein weiterer Partner zur Verfügung steht, hat in den vergangenen Jahren eine führende Rolle im Bereich einer modernen islamisch-theologischen Wissenschaft eingenommen. Die vom geplanten LOEWE-Schwerpunkt intendierte, interreligiöse Perspektive, die für das Gesamtprojekt und auch alle Teilprojekte bestimmend sein soll, hat sich in der Zusammenarbeit bereits bewährt, v.a. im auf die Erforschung jüdischer, christlicher und islamischer Kontexte angelegten DFG-Graduiertenkolleg „Theologie als Wissenschaft“ (GraKo – http://www.theologie-als-wissenschaft.de), das – unter Beteiligung der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg, der Universität Mainz und der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Georgen – seit 2012 besteht und – die Bewilligung des 2015 eingereichten Verlängerungsantrags vorausgesetzt – bis 2021 fortbestehen wird. Ergänzt wird dies durch die Aktivitäten des Instituts für Religionsphilosophische Forschung (IRF). Damit hat sich in der Kooperation zwischen GU und JLU ein profilierter Schwerpunkt herausgebildet, der sich besonders für eine komparative und interreligiöse Forschung anbietet. Daneben tragen auch einzelne Lehrstühle in den Geschichts-, Sozial- und Erziehungswissenschaften intensiv zu einer interdisziplinären Religionsforschung bei, die in Zukunft in einem Zentrum für Theologie- und Religionsforschung gebündelt werden soll.

Stand der Forschung und Kurzüberblick über relevante eigene Vorarbeiten

Den weiteren Kontext des wissenschaftlichen Programms bilden neuere Forschungen über eine Reihe von höchst aktuellen Dimensionen des Mit- und Gegeneinanders religiöser Traditionen. Dazu gehört einmal die Interpretation der „Wiederkehr“ und verstärkten Rolle von Religion(en) in der „postsäkularen“ Kultur, einschließlich der Analyse der Ursachen religiöser Fundamentalismen. Stark diskutiert werden zudem grundlegende Konzepte dialogischer Praxis wie Interreligiosität oder Interkulturalität, die sich mit unterschiedlichen Akzenten kritisch zu Formen religiöser Exklusivität, Aggression oder zur Uniformität religiöser bzw. religiös-nationaler „Leitkulturen“ verhalten. Nicht zuletzt tritt derzeit die Frage nach dem Umgang mit dem unausweichlichen Faktum pluraler, einander widerstreitender religiöser Sinn- und Wahrheitsansprüche in den Vordergrund, die in Verbindung mit gesellschaftlichen und politischen Verwerfungen vielfach ein explosives Gemisch darstellen. Es ist nur mit der kaum zu überschätzenden Brisanz dieser Thematik zu erklären, dass sich die Forschung mit präzedenzloser Intensität mit der Problematik der Diversität und der Differenz der Religionen, aber auch mit der Frage nach dem Toleranzpotential sowie den dialogischen Ressourcen der jüdischen, christlichen und islamischen Tradition(en) auseinandersetzt.

Der geplante LOEWE-Schwerpunkt mit seiner Leitfrage nach der Pluralismusfähigkeit religiöser Positionierungen bezieht sich kritisch auf eine vielstimmige differenzhermeneutische Diskussion, die zudem in Judentum, Christentum und Islam auf der Grundlage jeweils eigener textlicher Traditionen, geschichtlicher Erfahrungen und Gegenwartsdeutungen geführt wird. Zu nennen sind zunächst Ansätze, die sich  ausschließlich auf die Frage nach den gemeinsamen ethischen Werten der Religionen konzentrieren und die Notwendigkeit, religiöse Diversität und Differenz auszuhandeln, ausblenden. Demgegenüber sind die unterschiedlichen Formen einer interreligiösen Theologie  oder einer Theologie der Religionen bestrebt, ihre jeweiligen Dialogmodelle theologisch zu begründen. Pluralistische Religionstheologien verstehen die spezifischen Erscheinungsformen von Religion im Gefolge von John Hicks als differente, aber gleichermaßen gültige Antworten auf die Offenbarung göttlicher Wirklichkeit, d.h. sie nehmen dem Trennenden seine Schärfe. Ähnlich verfährt auch die „Komparative Theologie“, die sich darauf beschränkt, Differenzen und Konvergenzen zwischen religiösen Traditionen vergleichend aufeinander zu beziehen. Von den genannten Modellen setzt sich das Konzept der „religiösen Positionierung“ ebenso dezidiert ab wie von stark konsensorientierten Modellen wie jenem der „abrahamischen Ökumene“.

Näher steht der geplante Schwerpunkt hingegen Ansätzen einer interreligiösen und -kulturellen Hermeneutik, die darauf zielen, gerade das Widerständige des Differenten zu achten), oder die sogar – wie die angesichts der Auseinandersetzung mit dem Islam formulierte „Alteritäts-Theologie der Religionen“ – für eine Anerkennung radikaler Differenz plädieren. Letzteres Modell lehnt v.a. Modalitäten des Umgangs mit Differenz ab, die den Anderen durch Konformitätsdruck zur Relativierung des Eigenen nötigen, die religiöse und kulturelle Differenz – trotz formaler Multikulturalität – lediglich zum Zweck der Integration domestizieren oder die dialogischen Beziehungen vornehmlich dem Ziel der oberflächlichen Konsensbildung unterwerfen. Die Reflexion über Differenz ist hier jedoch einseitig aus christlicher Sicht formuliert, während der geplante Forschungsschwerpunkt durchgängig eine interreligiöse Perspektive einnimmt und v.a. auch jüdische und islamische Konzepte des Umgangs mit religiöser Pluralität untersucht.

Für die theoretische Reflexion des Begriffs der „Positionierung“ ist seine Mehrdimensionalität bedeutsam. So lässt er sich nicht nur religionstheologisch oder kommunikationstheoretisch, sondern auch hinsichtlich der Dynamik von Kulturkontakten und der dabei waltenden Machtverhältnisse ausformulieren. Auch soziologische Ansätze lassen sich zur Näherbestimmung des Konzepts nutzen. „Positionierung“ ist ein relationaler Begriff, der an sich schon auf eine mögliche Pluralität von Positionen und auf die sich daraus ergebenden Konstellationen verweist: Indem man sich selbst positioniert oder von Anderen eine Position zugewiesen bekommt, ergeben sich bestimmte Ordnungen und Zu-Ordnungen, die einen Raum entwerfen und gestalten. Hier lässt sich etwa das explikative Potential figurationssoziologischer Zugänge nutzen: Die Positionierungen religiöser Akteure können als konstellatorische Effekte im Kontext divergierender Positionen im Geflecht der sie umgebenden Positionen beschrieben werden. Solche konstellatorischen Überlegungen (auch auf dem Hintergrund sozialwissenschaftlicher Beobachtungen, wonach sich Zweierkonstellationen verschieben können, sobald ein relevanter „Dritter“ hinzutritt) versprechen in einem Forschungskontext, der intrareligiöse, interreligiöse und religiös-säkulare Positionierungen untersucht, einen wichtigen heuristischen Gewinn. Das gilt auch für konfliktsoziologische Ansätze, welche die integrative Kraft der offenen, reflektierten Austragung von Differenzen hervorheben und geltend machen, dass Menschen oder Gruppen, die ihren religiösen Standpunkt affirmieren, gerade dadurch in der Topographie der sozialen Beziehungen „lokalisiert“ werden können. Stellen sie diese zur „Disposition“, so sind sie hingegen in ihrer Identität nicht mehr erkennbar. Mit Bezug auf die Modalitäten religiöser Positionierungen regt dies die Frage an, ob und unter welchen Bedingungen das offene Austragen von Differenzen die Reflexivität und Soziabilität der eingebrachten Positionen zu steigern vermag.

Die Konfliktsoziologie stellt ein weiteres Analyseinstrument zur Verfügung, das sich weniger auf den Modus der Konfliktaustragung als vielmehr auf die Beschaffenheit der Positionen konzentriert, um die dabei gerungen wird: die Unterscheidung zwischen „teilbaren“ und „unteilbaren“ Konflikten (nach O. Hirschman). Beziehen sich erstere auf divergierende, aber dem Kompromiss zugängliche Interessen, so handelt es sich bei letzteren um Identitätskonflikte, die schwer zu regeln sind und daher zu endgültigen Lösungen neigen, sei es durch Eliminierung einer Seite oder durch bloße Toleranzabkommen. Auf diesem theoretischen Hintergrund stellt sich eine zweifache Frage: Wie müssen religiöse Geltungsansprüche formuliert sein, um im Raum der Positionierungen keine „unteilbaren Konflikte“ heraufzubeschwören? Und welchen Wert besitzen religiöse Positionierungen, deren Geltungsansprüche so unverbindlich, konformistisch oder individualistisch sind, dass sie den Status der Konfliktfähigkeit gegenüber anderen religiösen oder säkularen Positionierungen erst gar nicht erreichen?

Nicht zuletzt gilt es sozialphilosophische Überlegungen heranzuziehen, die sich mit den Möglichkeiten und Grenzen der Anerkennung des Anderen, aber auch des eigenen Selbst in seiner Eigenständigkeit und radikalen Fremdheit auseinandersetzen. Dazu bietet sich etwa die Emotionsforschung an, die nahelegt, dass sich religiöse Exklusivität und Intoleranz v.a. durch eine identitätsstarke und zugleich selbstkritische Positionierung gegenüber differenten Traditionen überwinden lässt. Zudem wird auf Elemente der Theorie der Anerkennung zurückgegriffen, die auch mit Blick auf multikulturelle Gesellschaften diskutiert wird. Sie akzentuiert die Verletzlichkeit des Anderen, dem gegenüber man sich positioniert, und die Forderung nach Anerkennung seiner Integrität bei Wahrung der Differenz. Wichtige Anknüpfungspunkte bieten in diesem Zusammenhang die Anregungen zu einer „kritischen Theorie der Toleranz“: Sie deutet Toleranz nicht, wie es häufig geschieht, als paternalistische Duldung, sondern im Sinne eines Zusammenspiels von fester Überzeugung, Fähigkeit zur Selbstdistanzierung und Respekt vor dem Anderen, das Raum für tiefgreifende Differenzen lässt und es auf diese Weise gestattet, die Grenzen einer wechselseitigen Verständigung auszuhandeln.

Arbeitsprogramm

Das Ziel des beantragten LOEWE-Schwerpunkts besteht darin, die Thematik der „religiösen Positionierung“ mittels Bündelung zahlreicher Fachdisziplinen in historisch-systematischer und empirisch-systematischer Hinsicht zu erforschen und in Kooperation mit Partnerinstitutionen im Bereich von Politik, Gesellschaft, Bildung und Kultur zugleich einen profilierten Beitrag zur hochaktuellen Problematik des Umgangs mit religiös-kultureller Vielfalt und daraus folgenden Konflikten zu leisten. Dieses ist  mit folgendem Arbeitsprogramm umzusetzen:

a) Das Herzstück des Projekts ist das Rahmenprogramm, in dem in der koordinierten Zusammenarbeit aller Teilprojekte die interdisziplinäre Theoriebildung und Methodendiskussion stattfindet. In Klausurtagungen, Kolloquien, Konferenzen und Ringvorlesungen zu sich im Jahresrhythmus abwechselnden inhaltlichen Schwerpunkten forschen die beteiligten Wissenschaftler/innen zu übergreifenden Themen und sorgen für die wechselseitige Interaktion der individuellen Projekte und der Gesamtfragestellung.

b) Angesichts der Fülle an möglichen inhaltlichen Aspekten des Gesamtthemas sind exemplarische Teilprojekte geplant, deren Ergebnisse in Dissertations- und Habilitationsschriften sowie in Sammelbänden, Sonderheften einschlägiger Zeitschriften und in Einzelaufsätzen publiziert werden. Bei den Teilprojekten wird zwischen zwei Projektbereichen unterschieden, die jeweils besonders starke Synergien aufweisen und Kooperationen innerhalb kleinerer Arbeitsgruppen ermöglichen. Der Bereich der Historisch-Systematischen Studien bündelt folgende Forschungen:

  • exegetisch-hermeneutische Studien zu unterschiedlichen (monologischen, dialogischen, intertextuellen oder interkulturellen) Verfahren der Positionierung in religiösen Texten;
  • religionswissenschaftliche und historische Fallstudien zu Modalitäten und Konstellationen von Positionierung in Kulturkontakten mit fremden Traditionen;
  • theologische und religionsphilosophische Studien zu den in Judentum, Christentum und Islam diskutierten Konzepten religiöser Positionierung.

Der Bereich der Empirisch-Systematischen Studien ist durch die Synergien zwischen Forschungen verbunden, die zum einen vorwiegend mit empirisch-sozialwissenschaftlichen Methoden operieren, einschließlich jener der Migrations- und Gender-Forschung, zum anderen einen regionalen Gegenwartsbezug aufweisen:

  • religionssoziologische und ethnographische Studien zu den Möglichkeiten und Grenzen differenzbewusster und pluralismusfähiger Positionierungen;
  • pädagogische und bildungstheoretische wie -praktische Studien zu Selbst- und Fremdpositionierungen in pluralen Erziehungs- und Bildungskontexten;
  • praktisch-theologische Studien zur Positionierung kirchlicher Lebenswelten gegenüber säkularen Sphären der Gesellschaft.