Teilprojekt Erziehungswissenschaften I: „Religiöse Selbstentwürfe junger Musliminnen in pädagogischen Handlungsfeldern“ (Prof. Dr. Harry Harun Behr / Dr. Meltem Kulaçatan)

Projektposter

Kurzbeschreibung

Das Teilprojekt geht von Erfahrungen seitens der Lehrkräfte in verschiedenen Sektoren von Schule und Ausbildung in Deutschland, insbesondere auch in Hessen (Frankfurt, Offenbach) aus, dass muslimische Jugendliche zunehmend Bezüge zu ihrer Religion artikulieren. Das deckt sich mit Beobachtungen in anderen europäischen urbanen Großräumen und umfasst nicht nur ethische, spirituelle und auf den religiösen Lebensstil bezogene Motive, sondern umfassende Konstruktionen von Wirklichkeit sowie von Normen- und Loyalitätskonflikten. Dieses mit Bezug zur gegenwärtigen Islamforschung als „Islamizität“ zu beschreibende Phänomen einer metatheoretischen Positionierung nicht nur zur Religion, sondern in ihr bezieht seine Dynamik aus der volatilen Komplexität jugendlicher Lebensweltbezüge. Was im Sinne religiöser Orientierung ein konstruktives Potenzial birgt, droht sich dann destruktiv auf die Einordung in sinnstiftende Systeme auszuwirken, wenn die religiöse Selbst-Verortung vorrangig über die Konstruktion von Gegenhorizonten erfolgt. Diese wirken ungeachtet ihrer emotionalen Aufladung im ersten Moment entlastend, weil sie ein trügerisches Angebot der Komplexitätsreduktion und Kontingenzbewältigung machen. Langfristig aber erschwert genau das die Erarbeitung von kritischer Toleranz- und Pluralismusfähigkeit als Haltung.

Dieses Teilprojekt befasst sich in diesem Zusammenhang mit muslimischen Mädchen. Für sie wirken sich die damit verbundenen Prozesse, beispielsweise die diffusen Optionen auf die eigene soziale Rolle, verstärkt negativ auf die Bildungsbiografie aus. Die Dringlichkeit dieser Forschungsperspektive ergibt sich daraus, dass junge Musliminnen im Kontext kritisch-feministischer Diskurse um Geschlechtergerechtigkeit und Geschlechtsidentität weit gehend noch fehlen. Erforderlich ist daher eine Analyse der komplexen Prozesse der Positionierung von Mädchen und jungen Frauen etwa mit Blick auf den Islam als Faktor religiöser Lebensstilentscheidungen oder auf geschlechtsbezogene Rollenkonstruktionen und Bildungsmotivation.

Zentral ist dabei auch die Frage nach dem möglichen Zusammenhang zwischen Diskriminierungsparadigmen und individueller religiöser Selbstverortung. Hier ist davon auszugehen, dass sich junge Frauen genötigt sehen, sich im Spannungsfeld von religiöser Tradition und persönlicher Identität, kollektiver Zugehörigkeit und subjektivem Lebensentwurf, Kulturalität und essentialistischem Religionsverständnis sowie Fremd- und Selbstzuschreibungen zu positionieren. Zu beobachten ist vielfach, dass auf eine religiöse Selbstidentifizierung im Sinne einer verbindenden transnationalen Meta-Identität zugegriffen wird, um stereotypen Bildern von Musliminnen seitens der Dominanzkultur entgegenzutreten.