Teilprojekt Judaistik: „Religiöse Positionierung im Kontext endzeitlicher Heilserwartung“ (Prof. Dr. Rebekka Voß, Mitarbeiterin Dr. Elke Morlok)

Projektposter

Kurzbeschreibung

Das Projekt unternimmt am Beispiel endzeitlicher Heils- und Erlösungsvorstellungen eine differenzierende Neuinterpretation der Beziehungen zwischen Juden und Christen im frühneuzeitlichen Ost- und Mitteleuropa unter dem Aspekt der dort zu beobachtenden Modalitäten und Konstellationen wechselseitiger religiöser Positionierungen. Erforderlich und für die historische Tiefenschärfe des gesamten Forschungsschwerpunkts von besonderer Bedeutung ist die Analyse des Umgangs von Juden und Christen mit der Differenz, aber auch Konvergenz endzeitlicher Erwartungen der jeweils anderen Tradition: Anhand der Beobachtung, dass die Ausdrucksformen jüdischer messianischer Sehnsucht auf die religiösen Positionen oder Reaktionen der Mehrheitskultur bezogen waren und entsprechend variieren konnten, lassen sich die Komplexität und Dynamik von Positionierungsprozessen exemplarisch herausarbeiten, sowohl innerhalb der eigenen als auch in Hinblick auf die „andere“ Mehrheitstradition. Die Frage nach der religiös-messianischen Positionierung innerhalb der eigenen Religion als „Erweckungsbewegung“ und die Devianz zur rabbinischen Tradition stellt dabei sowohl den Pietismus als auch den Sabbatianismus, Frankismus und später den Chassidismus vor vielfältige Fragen und Probleme. Es soll daher untersucht werden, ob diese Bewegungen in beiden Kulturen ähnliche Strategien zur Überwindung dieser Hindernisse entwickelten und ob dabei ggf. eine gegenseitige Beeinflussung stattfand.

Der Schwerpunkt des Projekts liegt auf dem für die Fragestellung weitgehend vernachlässigten 17. und 18. Jh. Neben der regionalen Konzentration auf Frankfurt und Hessen – als einem der bedeutendsten jüdischen Siedlungsgebiete im Reich jener Zeit – wird der inhaltliche Fokus auf jüdisch-christlichen Kreisen liegen, die sich im Kontext endzeitlich motivierter pietistischer Missions- und Erweckungsbestrebungen bildeten. Der Akzent der Analyse der ausgewählten Fallbeispiele apokalyptisch-religiöser Positionierung soll auf der Interpretation von Prozessen kultureller Begegnung und des Kulturtransfers liegen. Dabei gilt es die Hypothese zu überprüfen, dass sich zentrale eschatologische Deutungen, messianische Ansprüche und apokalyptische Anschauungen im Judentum und Christentum in der Frühneuzeit in einer dialogischen Struktur wechselseitiger Rezeption und Konfrontation geformt und dynamisch verändert haben. Untersucht werden sollen v.a. die in beiden Traditionen entwickelten Optionen des Umgangs mit der internen und externen Differenz, zu denen neben Apologetik, Polemik und dem Ertragen von Differenz auch Strategien der Umdeutung und Appropriation der als Bedrohung empfundenen Position des Anderen gehören. Welche Synergien entwickelten sich aus der jeweiligen inneren und äußeren Positionierung und wie äußern sich diese in Text, Ethik und Ritual?

Das angestrebte differenzierte Verständnis sowohl des jüdischen Messianismus, der Erlösungsfrage als auch der christlichen Apokalyptik in der Frühen Neuzeit soll dabei durchgehend auf die Konflikthaftigkeit wie Pluralismusfähigkeit der analysierten religiösen Positionierungen befragt werden. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Adaption und Transformation kabbalistisch-mystischer Symbolik und Rhetorik in den pietistischen (Bsp. Spener, Oetinger, Bengel) und sabbatianischen, frankistischen bzw. chassidischen Gruppierungen unterschiedlicher Prägung. Nicht nur die Position zum „religiös Anderen“ wird in diesem Transferprozess neu definiert, sondern auch das Verhältnis zur eigenen Religion, Tradition und Kultur. Von besonderer Bedeutung in Hinblick auf innovative theologische und ritualpraktische Entwicklungen ist dabei die Zentralität von „Sinnlichkeit“ und „Leiblichkeit“ in den pietistischen und chassidischen Positionen, welche eingehend untersucht werden soll. Inwieweit in dieser Dynamik neu entstehender Schwellenpositionen innovative Methoden zur internen und externen Positionierung entwickelt werden und ob eine gegenseitige Beeinflussung dieser beiden charismatischen Strömungen stattfand, wird im Projekt thematisiert.

Die historische, kultur- und religionswissenschaftliche Interpretation dieser Phänomene verspricht aussagekräftige Schlussfolgerungen auch mit Blick auf die für gegenwärtige weltpolitische Konflikte hochbrisante Frage nach der Rolle messianischer, endzeitlicher und mystischer Motive in traditionalistischen und fundamentalistischen Bewegungen in Judentum, Christentum und Islam.